Geduld

“Die Geduld nicht verlieren, auch wenn es unmöglich erscheint, das ist Geduld.” sagt ein japanisches Sprichwort.

So wachte ich im neuen Jahr über den Werdegang der angesetzten Weine. Erst jetzt, wenn man Wein angesetzt hat, wird einem gesagt (und das aus allen möglichen Richtungen und Quellen), was man falsch gemacht haben könnte und hat. In diesem Moment, wenn man gebannt auf das erste “Blubbern” in den Röhrchen wartet, will man das NICHT hören oder vielleicht doch…? Aber auch hier bringt es ein Sprichwort auf den Punkt: “Und wenn du alt wirst wie eine Kuh, lernen musst du immerzu!”. Genau, wir wollen diese Erfahrungen machen!

Tage gingen ins Land, ohne das sich auch nur eine Regung in den Ballons zeigte. Im Keller war es dem Hefestamm wohl etwas zu kalt. Uns Menschen geht es ja im Winter auch nicht anders… Also ab in die warme Küche in die Wohlfühltemperaturen.

Wieder nichts ! Der Hefestamm war entweder ausgewandert oder tot. Erste Hilfe tat Not – ab in die Apotheke und Verstärkung für die Stämme geholt. Ballons auf und rein damit. Ist wohl auch ganz legitim, man kann mit Zugabe von Hefe nichts falsch machen, sagen die Weisen.

Der Apfelwein (trocken) hatte als erstes mit mir Mitleid und überraschte mich am Morgen mit einer schönen “Schaummütze” und lustigem Blubbern im Röhrchen. Nach ein paar Tagen waren die “Ausdünstungen” der beiden kleinen Ballons so stark, dass ich Angst haben musste, einen Schwips in der Küche zu bekommen ;-) .

Sorgenkind Apfelwein No. 2 (lieblich-süß) zierte sich weiterhin. Ich hatte schon die schlimmsten Befürchtungen, sah Weinkrankheiten blühen, den schönen Apfelsaft, den wir unter Schweiß gepresst hatten, den Jordan hinunter schwimmen. Was tut man in der Not? Man wird erfinderisch. Erst holt man sich (vermeintlichen) Rat im geballten Wissen der anderen, dann greift man selbst in seine Trickkiste. Gesagt getan, wir “impfen” den Wein! Und zwar mit den schon agilen Hefeteilchen aus einem kleinen Ballon (ca. 0,4 l). O’gezapft is!

Und,… es hat funktioniert! Auch das Sorgenkind blubbert mit schöner Schaumkrone vor sich hin und erfreut mich mit lieblichem Gärduft. Ich hoffe jetzt inständig, dass nichts schief gelaufen ist, sonst kann ich im zweitschlimmsten Fall 10 Jahre eine Apfelessig- Kur machen und im schlimmsten Fall das Gebräu weg schütten.

Jetzt sind alle Ballons wieder in den Keller umgezogen, wo laut Literatur jetzt wohl die besseren Temperaturen für den Gärvorgang vorherrschen – zwischen 12 und 15 Grad. Beim Gärvorgang entstehen innerhalb des Ballons schon 8 bis 10 Grad höhere Temperaturen als die in der Umgebung. Steigt dann die Innentemperatur des Ballons auf über 30 Grad, ist das für die Hefe ebenso schlecht wie zu kalter Stand oder stark schwankende Umgebungstemperaturen. Eine Schwächung der Hefe tritt ein. Die optimale Gärtemperatur im Ballon liegt zwischen 20 und 25 Grad. Wer so verfährt, kann getrost von einer guten “Gärführung” sprechen!

Ich möchte euch aber auch die Erkenntnisse, die wir bereits aus dem Ansatz gewonnen haben, nicht vorenthalten:

  1. Man darf nicht gleich zu Beginn den ganzen Zucker zum Ansatz geben, sondern eher portionsweise im Abstand von ein paar Tagen.
    Ein gutes Indiz dafür ist/wäre wohl das Nachlassen des Blubberns. Zeit zum Füttern! Und das ist nicht ganz aus der Luft gegriffen. Ein Weinbuch vergleicht es sehr treffend mit dem Füttern von Kaninchen: Man würde ja auch dem Kaninchen nicht gleich die ganze Futterration fürs Hasenleben hinstellen! Ich habe es verstanden!
  2. Der Ansatz darf zu Beginn nicht zu kalt stehen!
    Wie schon gesagt, wir fühlen uns bei kalten Temperaturen auch nicht so wohl wie im Sommer. Deswegen behandelt die kleinen “Hefeteilchen” so wie ihr euch selbst behandeln würdet!
  3. Sauberkeit, Sauberkeit und nochmals Sauberkeit!
    Das muß man nicht unbedingt betonen, oder?
  4. Es ist eine Wissenschaft für sich, Wein selbst zu machen!
    Ja, eine komplizierte Aufgabe, die das gesamte Hirnpotential erfordert. Ich sah Berechnungen und Formeln und und und… Wo bleibt da noch der Spass? Und wo die Überraschung? Ich will Spass!

Und zum Schluß noch ein mich ständig begleitender Gedanke: Wann kann ich den Wein endlich probieren?! ;-)
Ich halte euch auf dem Laufenden….

Ein Kommentar zu “Geduld”

  1. Matthias Metze
    Januar 12th, 2007 10:04
    1

    Hallo,

    schon wieder ein Wein-Blog, das ich noch nicht kannte! Sehr schönes Blog, ich habe es gleich in meinem Feedreader abonniert und werde euch in meine “Empfehlungen” auf dem Viva-Vino Blog aufnehmen.

    Herzliche Grüße
    Matthias

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